Irrtum, Erkenntnis und Interessen. Die Erinnerung an den Schweizerischen Landesstreik zwischen Geschichtswissenschaft und Memorialpolitik

Mittwoch, 10. Oktober 2018, 18:15 Uhr bis 19:45 Uhr

Die drei Tage des Landesgeneralstreiks vom November 1918 gelten als grösste innenpolitische Krise des Schweizer Bundesstaats. Zugleich war und ist ihre Interpretation Gegenstand geschichtspolitischer Kontroversen, die einen zuverlässigen Spiegel der politischen Kultur unseres Landes bilden. Das Wesen des Ereignisses war von Beginn weg umstritten: Während die bürgerliche Seite einen von Moskau gesteuerten Umsturzversuch sah und linksradikale Stimmen das Unvermögen der Streikführer zu einer Revolution beklagten, verwies die sozialdemokratische Seite auf die innenpolitischen und wirtschaftlichen Ursprünge des Generalstreiks. Obwohl die quellenbasierte Geschichtsforschung das Revolutionsnarrativ schon in den 1950er und 1960er Jahren widerlegt hat, taucht dieses in der geschichtspolitischen Debatte bis heute zuweilen auf. Eine zweite Kontroverse bezieht sich auf die Folgen des Landesstreiks: Das von der Linken seit dem Ausbau des Sozialstaats ab den 1940er Jahren kultivierte Narrativ vom Landesstreik als Initialzündung der sozialen Schweiz ist von bürgerlichen Stimmen ebenso lange zurückgewiesen worden – teilweise auch mit Rückwirkungen auf die Historiographie. Das Beispiel des Landesstreiks zeigt, dass in der Geschichtswissenschaft das einfache Fortschrittspaar vom Irrtum zur Erkenntnis durch eine dritte Variable, nämlich geschichtspolitische Interessen, ergänzt werden muss, und soll dazu anregen, über den Platz der historischen Wissenschaften im breiteren Feld der Erinnerungskultur nachzudenken.

MitProf. Dr. Christian Koller, Historisches Seminar UZH
Ort Universität Zürich, Zentrum, Rämistrasse 71, 8006 Zürich
Raum: Hörsaal, KOL F 104
VeranstalterFortgeschrittene Forschende und Lehrende / Senior Academics
KontaktProf. Dr. Wolfgang Rother (Mail)